Von der Mutter des Waldes

 Wir alle haben eine Mutter! Sie hat uns das Leben geschenkt, uns genährt und behütet und ist gut zu uns.

 

Als Mutter des Waldes bezeichnen wir Forstleute die Rotbuche, vereinfacht auch Buche genannt. Sie ist gut für den Wald, weil sie nährt und behütet. Sie hat jedoch noch viele andere Vorzüge, die ich in meinem Berufsleben als Förster erlebt habe. In 44 Dienstjahren durfte ich in unterschiedlichen Landschaften Niedersachsens arbeiten. Vom Solling und dem Weser-Leine-Bergland über die Nordheide bis in das Elbe-Weser-Dreieck habe ich Erfahrungen mit verschiedenen Baumarten gemacht, etwa mit Fichten- und Lärchenbeständen, die von Borkenkäfern bedrohten werden, und mit Kiefernwäldern, die von Waldbrand und Windwurf gefährdet sind. Auch habe ich Krankheiten an Ulmen, Eschen und Erlen erlebt, durch die in ganzen Regionen nahezu alle Individuen der genannten Arten zum Absterben gebracht wurden.

 

Einzig die Rotbuche war immer robust und unproblematisch bei der Arbeit im Forst. Und um es gleich vorwegzunehmen: die Buche hat mich auf ganzer Linie überzeugt!

 

Gehen wir einmal einige tausend Jahre zurück in die Zeit, bevor wir Menschen die Urwälder Mitteleuropas zerstört haben: Mit Ausnahme der Hochgebirge, der Moore und der Flusstäler war das ganze Land überwiegend mit Buchenbeständen bewachsen. Obwohl diese Baumart aufgrund ihrer relativ schweren Samen nach der letzten Eiszeit nur langsam von Süden nach Norden vordrang, hat sie nahezu flächendeckende Vorherrschaft erlangt. Diese verdankt sie ihrer großen Wuchskraft bis ins hohe Alter, ihrer Schattenerträglichkeit und ihrer besonders fürsorglichen Art zu nähren und zu behüten. Buchen sind gut für den Wald, aber auch für uns Menschen, die wir den Wald nutzen.

 

Gut für das Grundwasser

 

Buchen werden bis zu 35 Meter hoch, und ihre oberen Äste ragen steil nach oben. Sie sammeln Niederschlagswasser und lenken es wie ein Trichter nach innen zum Stamm. An dessen glatter Rinde rinnt es nach unten und wird so direkt zu den Wurzeln geleitet. So sichert die Buche die eigene Wasserversorgung und zudem die der vielen Bodenlebewesen im Wurzelbereich. Insbesondere im Winter, wenn im unbelaubten Zustand keine Verdunstung stattfindet, führt dies zu einer erheblichen Grundwasserspeisung. Die Buche erhöht den Anteil der Grundwasserneubildung und wird deshalb als „Wasserwerk des Waldes“ bezeichnet. Buchenwälder sind „Trinkwasserwälder“.

 

Gut für die Bodenfruchtbarkeit

 

Mit ihren Herzwurzeln erreichen Buchen Nährelemente in tieferen Bodenschichten. Durch den herbstlichen Laubabfall gelangen große Teile davon zurück auf den Waldboden. Dieser ist Nahrungs- und Lebensraum für viele Tier- und Pilzarten sowie unzählige Mikroben. Sie verwandeln Pflanzenreste in Humus und arbeiten sie in den Boden ein. So düngt sich die Buche selbst. Weil sie in der Lage ist, selbst saure Oberböden wieder zu verbessern, wird sie auch als „Basenpumpe“ bezeichnet.

 

Gut zu ihren Kindern

 

Das dichte Kronendach im Buchenwald wirkt wie ein Zelt und schützt Waldboden und Nachkommen vor Wind, Sonne und Austrocknung. Mit großer Wuchskraft und bis ins hohe Alter schließt die Buche Lücken im Kronendach, die zum Beispiel nach Holzeinschlägen entstehen. Die ausgeprägte Beschattung des Bodens macht es fast allen anderen Pflanzenarten unmöglich, unter Buchen zu wachsen. Ihre eigenen Sämlinge jedoch haben eine sehr hohe Schattentoleranz. Ihr Wachstum ist selbst bei einer Lichtstärke von nur 20 % kaum beeinträchtigt. Auch mit deutlich weniger Licht können sie viele Jahre überleben. Gleichzeitig werden die jungen Buchensämlinge bestens mit Wasser, Humus und Mineralstoffen versorgt und vor der Konkurrenz durch andere Pflanzen geschützt.

 

Gut für das Klima

 

Jeder Wald speichert Kohlenstoff in seinem Holzbestand. Je Kilogramm Holz werden der Atmosphäre etwa 2 Kilogramm CO2 entzogen. In Buchenwäldern ist zusätzlich eine große, wachsende Menge Kohlenstoff im Waldboden gespeichert. Diese entspricht etwa der gleichen Menge wie im Holzbestand. Insbesondere Buchenwälder haben daher eine hohe Bedeutung für den Klimaschutz. An heißen Sommertagen verdunstet ein Hektar (10.000 m²) Buchenwald bis zu 50.000 Liter Wasser. Hierdurch wird nicht nur der Wald selbst, sondern auch seine Umgebung gekühlt.

 

Gut für die Artenvielfalt

 

Intakte und strukturreiche Buchenwälder mit Anteilen von Altbäumen und Totholz (siehe Abb.1) gelten als die artenreichsten Landlebensräume Mitteleuropas, auch wenn diese bewirtschaftet werden. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen finden sich dort allein rund 6.000 verschiedene Tierarten, zum großen Teil Insekten. Im Herbst, wenn die Bucheckern fallen, sind diese Samen für sehr viele Waldtiere überlebenswichtig, um sich Fettreserven für den Winter anzufressen.

Abb.1: Buchenwald mit Altbäumen und Totholz.
Abb.1: Buchenwald mit Altbäumen und Totholz.

 

Gut für den Menschen

 

Neben den hervorragenden positiven Effekten für Klima und Artenschutz liefert uns der Buchenwald auch erstklassiges, hartes und gut zu verarbeitendes, wertvolles Holz. In naturnah bewirtschafteten Buchenwäldern müssen keine kleinen Bäume gepflanzt werden. Auch fallen keine Kosten zur Bekämpfung von Schädlingsbefall an, und das „Betriebsrisiko“ aufgrund von Windwurfgefahr ist minimal. Das gleichzeitige Vorhandensein von Bäumen unterschiedlichen Alters auf der gleichen Fläche (siehe Abb. 2) erhöht nicht nur die Artenvielfalt, es ermöglicht auch eine nachhaltige, regelmäßige wirtschaftliche Nutzbarkeit. Naturnah bewirtschaftete Wälder kommen, sinnbildlich gesehen, dem Phänomen des „Perpetuum mobile“ sehr nah. Darüber hinaus kann in Buchenwäldern, im Vergleich zu Aufenthalten in Nadelwäldern, die bessere Erholungswirkung bei Spaziergängen oder Wanderungen erlebt werden. Unser Unterbewusstsein spürt die größere Naturnähe. Probieren Sie es ruhig mal aus.

 

Rotbuche im Klimawandel

 

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Buche reicht von Südskandinavien bis Sizilien, von Nordspanien bis in die Westukraine, nach Nordgriechenland und in die Westtürkei. Sie ist damit in zwei europäischen Klimazonen (Mittelbreiten und Subtropen) vertreten und kann dort als Klimaxvegetation vorkommen. Die genetische Bandbreite der Rotbuche verleiht ihr eine gewisse Resilienz, zumindest gegen begrenzte klimatische Schwankungen. Dies können wir gut in „Kampfzonen“ in bestimmten Lagen von Kuppen oder Südwesthängen von Gebirgs- oder Mittelgebirgslagen sehen. Nach trockenen Jahren zeigen sich Absterbeprozesse, nach feuchteren Jahren erscheint wieder Naturverjüngung.

 

Sehr empfindlich reagiert die Buche auf grobe, menschengemachte, überstarke Holzerntemaßnahmen. Sonnenbrand auf der Rinde, Schleimfluss und Absterbeprozesse in Verbindung mit erhöhter Windwurfgefährdung sind häufig die Folge.

 

Abb.2: Wald mit Bäumen unterschiedlichen Alters.
Abb.2: Wald mit Bäumen unterschiedlichen Alters.